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Event

Dieter Klein: Transformation 1989 – Transformation 2009?

 

Lecture, Brussels, 9 November 2009, 19:00 h


Full text by Dieter Klein

 

Dieter Klein hat in den achtziger Jahren an der Humboldt-Universität Berlin das Forschungsprojekt „Moderner Sozialismus“ geleitet und hat sich in den neunziger Jahren intensiv mit Transformationstheorie befasst. Er bezieht die Ansätze der Transformationstheorie, wie sie nach 1990 entwickelt wurden auf die Anforderungen einer Transformation durch die Weltkrise 2008/2009. Dieter Klein ist Vorsitzender der Zukunftskommission der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

 

Report in German

 

Finanz- und Wirtschaftskrise, Nahrungsmittelknappheit, Klimawandel – sind dies die Zeichen einer existentiellen Krise des kapitalistischen Systems, die zu einem Systemwandel, zu einer Zeitenwende wie im Jahr 1989 führen könnten? Im Mittelpunkt der Vorlesung von Dieter Klein am 20. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1989 im Brüsseler Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung standen die systempolitischen Linien von 1989 bis 2009 und ein bevorstehender Transformations-Prozess, wie er derzeit in Kreisen linker Intellektueller diskutiert wird.


In seiner Analyse des Systemwandels 1989 griff Klein den Mainstream gängiger Transformationstheorien an, die sich nach Aussage von Ulrich Beck auf den Satz „Marktwirtschaft und keine Widerworte!“ reduzieren ließen. Diesen Theorien gegenüber stellt Klein das Konzept einer sog. doppelten Modernisierung, bestehend aus einer „Transformation im Westen nach zwei Jahrzehnten neoliberal geprägter Entwicklung zu einer gerechten, solidarischen Gesellschaft und einer Transformation im Osten, der sich die Evolutionspotenziale moderner bürgerlicher Gesellschaften anzueignen, sich aber mit den eigenen Erfahrungen in einen gesamteuropäischen Transformationsprozess einzubringen hätte.“


Nach den Krisen-Entwicklungen des Kapitalismus seit 1989 hält Klein eine Transformation 2009 durchaus für realistisch. Statt das diskreditierte Wort Sozialismus zu meiden und sich in einzelnen Reform-Projekten zu verlieren müsse die Linke jedoch bereit sein „groß zu denken“ (Susan George). Von fünf systemischen Szenarien, mit denen Klein sich in seinem Vor-trag befasste, ist für ihn die emanzipatorische, die „zweite große“ Transformation die einzig gangbare. Diese ist für ihn gekennzeichnet durch individuelle Freiheit, gleiche soziale Teilhabe, Solidarität und Frieden. Für Klein zentral sind zudem eine ökologische Transformation – Stichwort: nachhaltiges Wachstum – und die „Rückgewinnung, Stärkung und Gestaltung des Öffentlichen“ als „Medium der Solidarität“.


In der Frage, wie eine solche Transformation eingeleitet werden kann, konzentrierte sich Dieter Klein auf die Notwendigkeit, angesichts der Krisenerscheinungen nicht auf scheinbar unvermeidbare Bündnis-Angebote der Machteliten einzugehen, sondern eigene Bündnisse zu schließen. Im Verweis auf Michael Brie sind es für Klein die sozial-libertäre Mittelschicht, bedrohte Kernbelegschaften und das moderne Prekariat, die ein Interessenbündnis zur Schaffung einer solidarischen und nachhaltigen Gesellschaft eingehen könnten. Auf Einwände aus dem Publikum, ein solches Bündnis sei unrealistisch, entgegnete Klein, dass es in der Tat Fälle gebe, in denen benachteiligte Gruppen gegeneinander ausgespielt würden. Dies müsse aber nicht so sein, und ihm ginge es darum, eine Utopie aufzuzeigen und zu untersu-chen, was sich verändern müsse, um ein solches Gegen-Bündnis zu schaffen. Das gemeinsame Ziel einer freien und solidarischen Gesellschaft sei aber ein erster essentieller Schritt hierzu.

 

Venue: Rosa Luxemburg Foundation, Ave. Michel-Ange 11, Brüssel
Language: German

Contact: Birgit Daiber